Open Innovation: Software Engineering Camp 2016

Die Softwareschmiede Method Park wird seit vielen Jahren als Top Arbeitgeber ausgezeichnet. Sie baut vor allem auf Software Handwerkskunst und damit auf moderne Wissensarbeit. Die enge Vernetzung und der laufende Austausch mit kreativen Köpfen und talentierten Softwareentwicklern ist der Treibstoff für das Unternehmen. Das Format Software Engineering Camp hat sich hier als ein idealer Nährboden erwiesen.

Der Idee für das erste Software Engineering Camp ging der Wunsch voraus, neue Wege gehen zu wollen. Schnell stand fest, dass das vor zehn Jahren von Tim O’Reilly ins Leben gerufene Barcamp-Format das größte Potential mitbringt. So erlaubt eine Unkonferenz für die Teilnehmer wertvolle Einblicke von außen und ermöglicht einen unverfälschten, authentischen Blick hinter die Kulissen. Gleichzeitig fördert es den Wissensaustausch und liefert neue Blickwinkel und Sichtweisen. Open Innovation in Reinkultur.

 

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Der Vorstand hatte die Chancen in dem Format sofort verstanden und so wurde die Gelegenheit, hier etwas Neues zu schaffen, vom ersten Gespräch an umfassend unterstützt. Gleichzeitig gab es im weiteren Verlauf keinerlei „Einmischung“ durch das Management – so konnte sich in kurzer Zeit ein buntes Team aus internen und externen Organisatoren zusammenfinden, das die Idee spannend fand und im folgenden ein exzellentes Camp auf den Weg gebracht hat.

Kudos to for the magnificent !

Tim O’Reilly hat 2006 mit seinem Foocamp (Friends-of-O’Reilly Camp) das bis dahin gültige Konferenzformat komplett in Frage und konsequent auf den Kopf gestellt: die nach seiner Beobachtung besonders energiereichen Kaffeepausen wurden kurzerhand zur eigentlichen Konferenz erklärt, während die weitgehend passiven 1:n Vorträge komplett gestrichen wurden.

Diskussion und Austausch statt Hackathon und Code Retreat

Innovative Veranstaltungen im Bereich Softwareentwicklung waren bisher vor allem vom „doing“ geprägt: egal ob, Hackathon, Codefest oder Code Retreats – das Programmieren und Coden stand immer im Mittelpunkt. Barcamps dagegen leben vom gegenseitigen Lernen, vom Wissens- und Erfahrungsaustausch, von der Diskussion mit Gleichgesinnten und dem Vernetzen mit Anderen. Das war es, was wir hier gezielt ausprobieren wollten.

 

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Somit war die Zeit reif, für das erste Software Engineering Camp in Deutschland! Mit „#swec16“ war schnell ein passendes Hashtag gefunden und die Webseite entstand sehr pragmatisch in Anlehnung an die gelungene DevOps Camp Seite von unseren Freunden bei OpenSpacer und Proudsourcing (ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle für alle Erste-Hilfe-Maßnahmen rund um den OpenSpacer)

Insgesamt waren wir 7 Monate mit der Vorbereitung beschäftigt. Trotz der idealen Ausgangsbasis mit hervorragend geeigneten Flächen rund um die Cafeteria und Barcamp- bzw. Unkonferenzerfahrung seit 2007 waren wir mit unserem 12-köpfigen Team durchgehend ausgelastet. Neben zwei Dutzend Unterstützern, die wir an Bord holen konnten, galt es nach außen Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit für das komplett neue Format zu schaffen.

Nach einigen tausend Flyern, hunderten von Plakaten in der Region an Hochschule, Universität und Hotspots wie dem Coworking Space sowie unzähligen Kontakten zu User Groups, Meetups und Communities hat sich dann bereits einige Wochen vor dem Camp die Zuversicht eingestellt, dass das Format funktionieren wird. Der Anmeldestand hatte schon im Oktober die 70 erreicht und am Ende sollten über 100 Teilnehmer dabei sein. Nicht schlecht für „das erste Mal“.

Lightning Talks als Eisbrecher

Nicht ganz unumstritten war es, von der „reinen Lehre“ abzuweichen und das Camp mit expliziten Lightning Talks zu bereichern. Nachdem wir uns darauf geeinigt hatten, dass diese am Freitagabend während der Welcome Party stattfinden und sich am Samstag als ganz normale Sessions ins Programm einreihen, waren auch hier die Bedenken zerstreut. Umso besser haben die kurzen Impulsvorträge von crossbar.io, Laura Lowenthal (Google London) und dem eigens aus Japan angereisten Susumu Sasabe (ehem. NEC Topmanager) funktioniert.

 

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Letzterer hatte abendfüllenden Stoff aus seinem Leben als Hard- und Software Ingenieur dabei – ganz im Kontrast zu Laura, die im Pecha Kucha Format mit wenigen fest getakteten Slides über das Zusammenleben mit 30000 Kollegen berichtete, die alle gleichzeitig auf einem(!) gemeinsamen Repository arbeiten.

back from the fantastic … thx to , who made this happen. great job 🙂

Wissen erhält erst mit dem richtigen Mindset dahinter einen Wert

Der japanische Top-Manager begeisterte uns mit seinem leidenschaftlichen 15 Minuten Appell zu „mindset vs. knowledge“. Wir hätten keinen einzigen Moment davon vermissen wollen! Zeit zum Vertiefen fand sich in mehreren Sessions, die uns Sasabe-San am Samstag und Sonntag angeboten hat – alle Räume mit ihm waren stets gefüllt. Obwohl es sein allererstes Barcamp war, hat er sich wunderbar in das Format eingefunden und uns mit Themen wie den Unterschieden in agiler Softwareentwicklung zwischen Asien und der westlichen Welt durchgehend fasziniert und inspiriert.

Eine kleine Anekdote zum Freitagabend darf nicht fehlen. Während auf fast allen anderen Barcamps die Erklärung zum „bar“ im Namen regelmässig sperrig ausfällt (nein, es geht weder ums Cocktail mixen noch feucht-fröhliche Barbesuche, sondern natürlich um metasyntaktische Variablen), so war es bei der idealen Zielgruppe im Raum die reinste Wohltat zu fragen, was auf „foo“ folgt (eben – „bar“).

Der Tagesablauf entsteht erst vor Ort und in Selbstorganisation

Ein deutlicher Unterschied zu einer klassischen Konferenz wird vor allem im Vorfeld sichtbar. Es gibt weder feste Vortragende noch ein Programm mit den Themen der Unkonferenz. Beides entsteht erst unmittelbar vor Ort und wird von dem getrieben, was den Teilnehmern vor Ort gerade durch den Kopf geht, was ihnen in diesem Moment am wichtigsten erscheint und wofür das größte Interesse besteht.

 

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Entsprechend spannend verläuft dann auch die gemeinsame Erstellung des Session Plans für den Tag. Nach einem gemeinsamen Frühstück (danke Elena für die großartige myMüsli 2go Lieferung!) zum Ankommen gab es noch einmal eine 5(!) Minuten Vorstellungsrunde für die knapp 100 Teilnehmer, in der jeder nur  ganz kurz seinen Namen und ein oder zwei besondere Interessen ansagt. So entsteht schnell ein Gefühl dafür, welche Menschen und Themen im Raum sind, ohne dass irgendjemand die große Runde mit Details lähmt.

Retro Games zeigen den Weg

Bei der anschließenden Sessionplanung kann jeder im Raum ein Thema vorschlagen. Finden sich per Handzeichen ausreichend Viele, die daran interessiert sind, dann bekommt die Session eine Uhrzeit (immer zur vollen Stunde) und einen Raum zugewiesen. Ursprünglich wollten wir die Räume auf besonders schräge Programmiersprachen taufen. Aber aus lolcode, whitespace, ook!, malbeuge, fractran, stuck, false oder brainfuck wurde eine Zeitreise zu den etwas handlicheren Retrogames. Die Sessions verteilten sich damit auf die Räume Pong, Pitfall, Breakout, Zork, Frogger, Galaxian und Defender.

perfekt und macht wieder süchtig…

Bemerkenswert war auch hier wieder die Punktlandung. Mit dem letzten Sessionvorschlag in der Schlange wurde der letzte freie Slot im Sessionplan gefüllt. Perfekt. Der erste Sessionslot startete dann auch gleich fünf Minuten später um 11 Uhr und die erste Qual der Wahl kam auf die Teilnehmer zu. Eines der wichtigsten Grundprinzipien einer Unkonferenz ist das Gesetz der zwei Füße. Niemand soll während des Wochenendes an einem Ort sein, an dem er nicht wirklich sein will. Im Zweifelsfall wechselt man jederzeit in die nächste Session oder verweilt in der Cafeteria.

Jeder erlebt sein ganz persönliches Camp

Die Wahlfreiheit wird dann zur Qual, wenn zufällig mehrere besonders spannende Themen gleichzeitig stattfinden. Dann hilft nur entweder Prioritäten setzen oder wirklich mehrfach zwischen den parallelen Themen wechseln. Aus der Vielfalt ergibt sich gleichzeitig ein grundlegend verschiedenes, individuelles Camp-Erlebnis für jeden Einzelnen.

 

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Je nach Interessen und Vorlieben stellt man sich sein ganz individuelles Programm zusammen und nimmt so am Ende eine ganz eigene persönliche Erfahrung mit, wie sie kein Zweiter während dem Wochenende erlebt. Einzige Ausnahme sind diejenigen, die das gesamte Camp durchgehend in der Cafeteria zum Netzwerken verbringen. Auch das hat seine ganz eigene Berechtigung – uns ist jedoch Niemand aufgefallen, der allen Sessions widerstehen konnte.

Wir haben am Ende etwa fünfzig Sessions gezählt, die sich auch im Openspacer getrennt für Samstag und Sonntag wiederfinden. Neben natürlich vielen technisch geprägten Themen fanden sich dann aber doch auch einige (erhoffte) übergreifende Themen. Agilität, Blickwechsel zum Kunden oder den Stakeholdern, Zwischenmenschliches genauso wie Psychologie oder der Umgang mit maximal Unbekanntem. Als Eindruck finden sich ein paar (subjektive) Highlights – diese Liste würde jeder Teilnehmer für sich komplett anders zusammenstellen:

 

  • Working together in a huge Codebase: Joys & Pains
  • Unknown unknowns
  • Team Journey – Costumer Journey aus dem Service Design Thinking auf Entwickler Teams angewendet
  • A Comparison of Software Development in Japanese vs. German Culture (eastern vs. western)

 

Ganz besonders beeindruckt hat uns die Selbstorganisation im Hinblick auf das vorbildliche Dokumentieren vieler der Sessions. Wir hatten jedem Sessiongeber ein Handout mit Anregungen auf den Weg gegeben, wie sich deren Inhalte gut festhalten lassen können. Das ganze Wochenende über erreichten uns darauf teilweise exzellent gestaltete Zusammenfassungen. Hervorragend.

 

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Damit das Programmieren auf dem Camp nicht ganz ausfällt, gab es sowohl einige verlängerte Sessions, bei denen „hands-on coding“ gefragt war, genauso wie ein IoT Maker Bereich, in dem durchgehend unter Anleitung mit Devices und Sensoren experimentiert werden konnte. Ein echter Augenschmaus war hier der smarte Kühlschrank von crossbar.io der in Verbindung mit dem IoT Starter Kit die Teilnehmer übers Wochenende mit gekühlten Energy Drinks versorgen konnte.

Verdammt, jetzt hab ich doch noch Lust auf’s smart home bekommen… @jerady und seine Session zu #MQTT waren super. #SWEC16

Der Sonntag gibt oft ein erstes frühes Feedback für die Camp Organisatoren. Er ist noch einmal mehr der wertvolle Filter – es kommen wirklich nur diejenigen, die wirklich da sein wollen. Denen alles andere weniger wichtig ist als das Camp. Dennoch herrscht am Sonntag fast immer weniger Andrang als am Samstag. So war es auch beim SWEC und trotzdem hatte sich der Sessionplan wieder schnell gefüllt. Einige Themen aus dem Vortrag wurden noch einmal vertieft oder weiterverfolgt.

 

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Da es genug Raum gab (wir hatten zwei zusätzliche Sessionräume in Reserve – Galaxian und Defender), fand jedes Thema seinen Platz. Um den von weiter her angereisten Teilnehmer noch ein wenig Sonne mit auf den Weg geben zu können, war die Feedbackrunde schon für den Nachmittag geplant. Wir waren schwer beeindruckt. Kurzum, für Viele war es eines der besten Camps seit langem.

Intensiver Wissensaustausch und fundierte Einblicke

Dazu hatten sicher nicht nur die entspannte Atmosphäre in den Räumen von Methodpark zusammen mit einer stets reibungslosen Organisation beigetragen, sondern vor allem die vielen inhaltlich intensiven und oft hochkarätigen Sessions. Das größte Dankeschön geht damit an alle Teilgeber, die das Event mit ihrer Energie und Leidenschaft aktiv mitgestaltet haben.

I know, I should have written less… But I couldn’t. Here’s my review for last weekends

Nicht zuletzt lässt sich aus den vielen Blog und Social Media Beiträgen ableiten: alles richtig gemacht. Umso mehr freuen wir uns auf eine Fortsetzung im kommenden Jahr. Die ist nämlich bei allen Beteiligten fest eingeplant! (save the date: 17. – 19. 11. 2017)

 


stesie.github.io/2016/11/comparing-the-incomparible/
reinhard.codes/2016/11/24/software-engineering-camp-2016/
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