Haderst du noch?
Wir warten seit letztem Jahr auf genau diese Zäsuren. Viele Entscheider warten immer noch ab, beobachten, versuchen das Bestehende bis zum letzten Anschlag zu optimieren. Jack Dorsey sieht deutlich, was kommt – und handelt konsequent. Er halbiert mitten im Wachstum seine Belegschaft und denkt das Unternehmen mit AI First neu.
Mut zur neuen Realität
Block – das Unternehmen hinter Square, Cash App und Afterpay – entlässt über 4000 Mitarbeiter. Die Belegschaft schrumpft von gut 10000 auf knapp 6000 Personen. Verkündet zeitgleich mit den Quartalszahlen für Q4/2025, die ihrerseits stark ausgefallen sind: Bruttogewinn +24 Prozent, 2,87 Milliarden Dollar im letzten Quartal allein.

Dorsey hätte es auch anders machen können. Jedes Jahr still 10 Prozent freisetzen. Klassisches Umstrukturieren, ohne es so zu nennen. Die meisten Konzerne tun genau das – und nennen es Transformation. Stattdessen wählt er den radikalen Schnitt und benennt den Grund dafür offen:
We’re not making this decision because we’re in trouble. Our business is strong. But something has changed. (Jack Dorsey, in seiner Mitteilung an die Belegschaft)
Was sich für ihn verändert hat: Intelligence tools, gepaart mit kleineren, flacheren Teams, ermöglichen eine fundamental neue Art zu arbeiten. Nicht als Experiment. Als Grundannahme. Das ist der Unterschied zwischen KI als Feature und KI als Betriebssystem des Unternehmens – AI Native, nicht AI-dekoriert.
Die gut inszenierte Klarheit
Der Ton des Statements ist bemerkenswert. Keine Corporate-Floskeln, kein Passiv, kein Euphemismus. Dorsey schreibt in Kleinbuchstaben, direkt adressiert an seine Mitarbeiter, mit konkreten Zahlen zum Abfindungspaket noch vor jeder strategischen Begründung. Er kündigt eine Live-Session an, lässt Slack-Kanäle bis Donnerstagabend offen damit sich alle verabschieden können und nennt das explizit awkward and human rather than efficient and cold.
Das wirkt aufrichtig. Es ist auch gut inszeniert. Beides schließt sich nicht aus. Was bleibt: 4.000 Menschen verlieren ihre Stellen bei einem wachsenden Unternehmen. Und gemessen an dem, was die meisten anderen Konzerne in vergleichbaren Situationen kommunikativ leisten, ist Dorsey hier trotzdem Lichtjahre voraus.
Die Märkte haben das registriert. Aktie plus 25 Prozent in der Nachbörse. Was Investoren dabei belohnen, ist nicht primär die KI-Strategie – es ist die Entschlossenheit selbst. In einer Welt voller zögernder Entscheider ist Handlungsfähigkeit zu einem eigenständigen Asset geworden.
Was im Statement fast untergeht
Am Ende von Dorseys Mitteilung, fast beiläufig, steckt die eigentliche strategische Ansage:
Our customers will feel this shift too, and we’re going to help them navigate it: towards a future where they can build their own features directly, composed of our capabilities and served through our interfaces.
Das ist kein Einsparungsprogramm, sondern Produktvision. Block baut sich zu einer Plattform um, auf der Kunden selbst konfigurieren und zusammensetzen – vom klassischen Software- zum Infrastruktur-Anbieter. Die Entlassungen sind Folge dieser Richtungsentscheidung, nicht die Ursache.
Wer das überliest, sieht den Schnitt im falschen Licht.
Der berechtigte Einwand
Nicht alles an diesem Moment ist so klar, wie es wirkt. Block hat bereits im März 2025 rund 900 Stellen gestrichen. Der jetzige Schritt ist Runde zwei – was die Erzählung der „einen klaren Entscheidung“ etwas relativiert. Und der Vorwurf, dass ein erheblicher Teil der Entlassungen schlicht den Overhead aus den COVID-Jahren korrigiert, ist nicht von der Hand zu weisen.
Analysten weisen darauf hin, dass bei vielen KI-begründeten Entlassungen im Tech-Sektor der tatsächliche Produktivitätsgewinn noch nicht belegt ist. Die Begründung läuft dann eher finanziellen Motiven hinterher. Maria Garcia bringt es auf den Punkt: Dorsey hat nicht gezeigt, dass KI 4000 Stellen ersetzt – er hat bewiesen, dass der Markt Milliarden zahlt, wenn ein CEO das behauptet.
Das Klarna-Experiment zeigt, wie schnell sich das umkehren kann: 700 Kundenservice-Mitarbeiter durch KI ersetzt, Markt jubelte, Qualität sank,
18 Monate später wurde wieder eingestellt.
Das ändert die Wahrnehmung, aber nicht die Stoßrichtung.
Haderst du noch oder baust du schon?
Die relevante Frage für Unternehmer ist nicht: Soll ich jetzt auch halbieren? Die meisten Unternehmen, die ich kenne, haben kein Überbesetzungsproblem – sie haben ein Richtungsproblem. Sie wissen nicht, was sie mit KI bauen können.
Dorsey hat das gelöst – zumindest auf dem Papier. Er hat KI nicht auf bestehende Prozesse draufgeklebt. Er hat gefragt: Was wird möglich, wenn KI die Grundannahme ist, nicht ein Feature? Was können wir heute bauen, das bisher undenkbar war? Und dann die Konsequenzen gezogen.
Die grüne Wiese ist der Ausgangspunkt. Wer jetzt immer noch hadert, sich über Unzulänglichkeiten beschwert oder mit Use-Cases rumzaudert, wird rechts überholt. Von denen, die längst auf neuem Baugrund stehen.
Die KI-Zäsur ist längst da. Niemand dreht sie nochmal zurück. Keiner stellt die alte Welt noch einmal her. Die non human intelligence ist mitten unter uns und geht nicht mehr weg.
Wann fängst auch du an, dein Unternehmen neu zu denken?
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TechCrunch: Your company is next
Jack Dorsey: die originale Mitteilung an die Block-Belegschaft
The Register: Block ditches 4,000 staff, because AI can do their jobs
Implicator: Block’s 24% Stock Jump Will Cost More Jobs Than Its AI Ever Could
Forrester: The Impact of AI on Jobs
Betreute Intelligenz: Das KI Meetup für Macher
entresol.de: AI First