AI First
Was auf den ersten Blick vielleicht wie KI überall wirken mag, ist nichts weniger als eine Einladung zu einer radikal anderen Denkweise. Kein weiteres Feature, sondern eine neue Grundannahme. Keine Optimierung vom Bestehenden, sondern grundlegende Neuerfindung.
Ein einfacher Perspektivwechsel verdeutlicht diese Denkweise am besten: Was würdest du tun, wenn du ein Problem mit KI nicht optimierst, sondern dafür plötzlich 50 Mitarbeiter zur Verfügung hättest, um eine ideale Lösung umzusetzen? Dieses Gedankenspiel macht es einfacher, zu überlegen, wie man nicht nur Bestehendes optimiert, sondern das echte Potential von KI nutzt. Genau hier beginnt das AI First Denken.
Der KI-Button im Dashboard
Dieses echte Potential von KI wird sehr oft noch verkannt – zu naheliegend scheint es, in KI einfach nur weiteres Feature zu sehen. Eines, das man jetzt halt auch noch einbauen muss, weil alle anderen das auch tun:
- „Hier ist unser Dashboard – und dort der KI-Button“
- „Hier ist unser Formular – jetzt mit KI-Autovervollständigung“
- „Hier ist unser Menü – natürlich mit KI-Chatbot“
Das ist genau das Gegenteil von AI First. Das ist Bestandsdenken in KI Verkleidung. Die Denkweise, die für uns hinter dem Begriff steht ist radikaler: KI ist das Interface. Nicht nur ein Feature darin. Keine eine Optimierung davon. Sondern eine Grundannahme, von der aus wir neudenken.
An der Oberfläche polieren oder neues Fundament bauen?
Es gibt zwei entgegengesetzte Denkschulen, mit KI umzugehen. Und die sind nicht graduell unterschiedlich, sondern fundamental anders. Die erste stellt die Frage „Wie integrieren wir KI in unsere bestehenden Prozesse?“. Die zweite fragt: „Was wird heute mit KI möglich, das bisher undenkbar war?“

Nehmen wir als Beispiel ein Formular: die einen denken „Wir brauchen ein Formular mit 20 Feldern – und KI hilft jetzt beim Ausfüllen“. Die anderen „Der User bespricht mit der KI, was er braucht. Sie erfasst das Gespräch im Kontext und liefert daraus direkt die Handlungsanweisungen – in diesem Dialog gibt es überhaupt kein Formular mehr“
AI First behandelt KI nicht als Add-on, sondern steht für eine komplett neue Grundannahme
Das ist keine inkrementelle Verbesserung, sondern eröffnet eine neue Welt. Die einen optimieren Bestehendes. Die anderen denken die Dinge von Grund auf neu, weil KI Möglichkeiten eröffnet, die früher technisch nur schwer möglich oder wirtschaftlich nicht tragbar waren: ein echter Dialog auf Augenhöhe. Umfassendes Kontextverständnis. Echte individuelle Personalisierung für jeden einzelnen Nutzer.
Wir haben das schon mal erlebt. 2005 gab es die einen Unternehmen, die jetzt auch eine Homepage wollten – kaum mehr als eine zusätzliche digitale Visitenkarte, fertig. Und es gab die anderen, die fragten: „Was können wir jetzt bauen, das vorher ohne das Internet nicht möglich war?“ Amazon. Google. Netflix. Spotify. Heute ist offensichtlich, wer das neue Paradigma verstanden hatte.
So schwer es ist, die KI-Entwicklung anhand der Vergangenheit einzuordnen, so sehr sieht es danach aus, dass wir wieder an einem solchen Scheidepunkt stehen. Wir könnten diesmal vielleicht sogar noch schneller sehen, wer AI First am Besten verstanden hat.
Die Tür steht offen. Aber viele bleiben vor der Schwelle stehen und optimieren, was sie bereits kennen, statt hindurchzugehen und anfangen neuzudenken.
Der Lackmustest
Es gibt einen einfachen Test: Wenn KI morgen verschwindet – funktioniert euer Produkt noch? Falls ja, ist KI nice-to-have. Falls nein, habt ihr wirklich AI First gedacht. Perplexity ohne KI? Kein Produkt. Dashboard mit KI-Button? Läuft auch ohne.
Die eigentliche Frage ist nicht „Wo fügen wir KI hinzu?“, sondern „Was bauen wir, wenn KI die Grundannahme ist?“
AI First ist auch eine Frage für Community-Architektur: Nicht „Wie nutzen wir KI für das Community Management?“, sondern „Wo ist KI ein essentieller Bestandteil für die Community?“. Betreute Intelligenz – eine regelmässige KI-Einordnung. Ergibt ohne KI keinen Sinn. Unwritten – Inhalte nicht nur lesen, sondern erleben. Unmöglich ohne KI. Wasted Wetware – literarische Intelligenz. Ohne KI nicht existent. All das bedeutet AI First in der Praxis: völlig neue Wege statt nur verbesserte Werkzeuge.
Bequemes Bestandsdenken
AI First bedeutet nicht, dass alles KI werden muss. Es bedeutet: die richtigen Fragen stellen, bevor man umsetzt. Manchmal führt das zu besseren klassischen Lösungen, manchmal zu radikal neuen Wegen. Aber ohne die Frage vorab zu stellen, verpassen wir die eigentliche Chance. Wir erwischen uns selbst oft genug bei der alten Denkweise – das Umdenken ist nicht geschenkt. Aber die Alternative ist, in wenigen Jahren zu merken, dass man das neue Paradigma verpasst hat.
Das ist unbequem. Das ist umstritten. Und es bedroht die bestehenden Macht-Strukturen.
Welches Denkmuster begleitet euch?
—
Echo: der Concierge von Unwritten
Betreute Intelligenz: Das KI Meetup für Macher
Wastedwetware: tomorrow’s tech news, today’s hangover
Hbr.org podcast: Andrew Ng on creating an AI first business
Substack AI book review: AI First – The Playbook for a Future-Proof Business and Brand