OpenClaw: Schock oder Aufbruch?
OpenClaw zieht seit Wochen hohe Aufmerksamkeit auf sich: das vielleicht erste System, das KI vollständig entfesselt hat. Es baut sich selbst autonom Code und führt diesen aus, wo auch immer es auf Hindernisse stößt – ohne moralische Bremsen, ohne Kontrolle, ohne Rückfragen.
150k+ Entwickler lassen die wildesten Experimente damit laufen. Für die einen das Paradies der Möglichkeiten, für die anderen ein einziger Security Alptraum. Open Source Software ist viral – einmal in der Welt kann es Nichts und Niemand mehr zurückrufen. Die Geister die ich rief? Die Büchse der Pandora ist geöffnet?
Und dann wechselt der Core Entwickler zu OpenAI. Der Konzern will das Open Source Projekt fortführen und damit seine eigenen KI-Agenten weiterentwickeln.

Gehen wir einen Schritt zurück und suchen nach Parallelen in der Vergangenheit. Etwas längst Vergessenes triggert ein Deja vu. Vor gut zehn Jahren ging App.net an den Start, um das zu bauen, was Twitter als ein offenes Ökosystem einmal hätte werden können.
App.net – ein Pionier und Rebell, das sehr vieles richtig gemacht hatte, auch wenn es am Ende keine kritische Masse erreichen konnte. Gut ein Jahrzehnt später kommt also OpenClaw, das new kid in town. Ebenfalls dezentral, aber viel wilder, viel radikaler, im Kern Anarchismus pur.
Die Geschichte der Rebellion gegen Konzern-Monopole in der Tech-Industrie ist länger und kohärenter, als es auf den ersten Blick scheint. Sie kommt in verschiedenen Formen, verschiedenen Zeiten und mit verschiedenen Taktiken – aber sie folgt einem Muster. App.net hat uns damals zutief beeindruckt und aufgeweckt. OpenClaw triggert gerade die Erinnerung an dieses Gefühl damals.
What Twitter could have been (Dalton Caldwell 2012 zu seiner Vision von App.net)
Kann der dezentrale Weg der Schlüssel sein, um die Vormacht der Konzern-Einheitskost zu erschüttern? Mastodon und Bluesky warten immer noch auf diesen Moment. OpenClaw fährt gerade eine ganz andere Wucht auf: Alles ist möglich – no limits, no worries, no sorries.. Gleichzeitig wird es uns mitten in der Hand explodieren.
Es gibt Momente, in denen du merkst, dass jemand ein Problem wirklich verstanden hat. Dalton Caldwell hatte so einen Moment 2012. Twitter und Facebook waren mit offenen APIs gestartet. Developer hatten Macht. Aber dann kam die Monetarisierung – und mit ihr die Angst. APIs wurden geschlossen. Ökosystem darum herum abgeschnitten. Die Geschäftslogik hatte es vorgegeben.
Dalton tat das Radikale: Er schnitt den Knoten durch. App.net startete mit einer These, die 2012 absolut verrückt klang: $50 pro Jahr. Keine kostenlose Variante. Du zahlst, oder du kommst nicht rein. Was folgte, war nicht groß, aber es war echt: 10k Menschen zahlten im Voraus. $800k im Monat.
2012: Das Fundament
App.net war klein. Aber zu seiner Zeit war es einer der interessantesten Orte im Internet. Die Community bestand vor allem aus Entwicklern, Geeks, Podcastern – Menschen, die sich bewusst entschieden hatten, das Freemium-Karussell zu verlassen.
Es zeigte damals vor allem drei Dinge:
- Nutzer zahlen, wenn der Wert stimmt
Das klingt trivial, aber 2012 war es radikal. Substack, Patreon, Mastodon: sie alle stehen auf App.net’s Schultern.
- Offenheit ist ein echtes Feature
App.net gab Entwicklern $30.000 pro Monat, weil bessere Apps bessere Plattformen machen.
- Der Interessenskonflikt ist das Kernproblem
Wenn dein Geschäftsmodell auf zahlenden Nutzern basiert, brauchst du keine Werbung. Du hast kein Interesse daran, deine Nutzer zur Ware zu machen.
Im Mai 2014 kam der Kassensturz. Die Plattform war finanziert – aber nicht genug für ein Team. Alle Mitarbeiter wurden entlassen. App.net scheiterte nicht, weil das Modell falsch war. Es scheiterte an der Netzwerk-Effekt-Asymmetrie: Twitter war bereits da, kostenlos, überall. Ein Wechsel zu App.net bedeutete: $50/Jahr plus deine Follower verlieren.
Bei Netzwerk-Effekten musst du 10x besser sein, nur doppelt so gut reicht nicht.
Dieser Preis war vielen auf den ersten Blick zu hoch. Wir waren gerade dabei uns erst so richtig daran zu gewöhnen, dass die großen Plattformen alles (vermeintlich) kostenfrei servieren. App.net war weder zu früh, noch strukturell falsch. Es war ein legitimer Versuch, Monopol-Strukturen zu brechen. App.net war ein Skill. Und der Samen, den es gesät hat, wächst immer noch.
2026: Die Rebellion lernt
Im Januar 2026 passiert etwas, das niemand erwartet hatte: Ein noch junges Open Source Projekt erreicht 100.000 GitHub Stars in gerade einmal sechs Wochen. Der Entwickler baut das Ding nebenher. Und auf einmal ist es das wildeste Tech-Phänomen seit langem.
Aber OpenClaw ist nicht das nächste App.net. Es ist radikal anders. OpenClaw baut keine Plattform. Es baut seine eigene Infrastruktur. App.net versprach: „Komm auf unsere neue Plattform – sie ist besser.“ OpenClaw sagt: „This is pure code. Run it on your machine. Plug it into your apps. Connect your data. No platform, no lock-in, no permission needed.“
Der Agent läuft auf deiner Hardware. Es gibt keinen Gatekeeper. Es braucht keine kritische Masse, weil es mit nichts konkurriert – es komplementiert. Und genau deshalb funktioniert es, weil es nicht gegen Windmühlen ankämpfen muss.
Aber OpenClaw zahlt einen anderen Preis: 1.800 exponierte Instanzen in der ersten Woche. Geleakte API-Keys. Dokumentierte RCE-Exploits. Cisco warnt: „ein Alptraum“. OpenClaw’s Dokumentation sagt: „There is no perfectly secure setup.“
Dezentralisierung ist kein Feature. Sie ist die einzige strukturelle Antwort auf Monopole
Das wäre bei ChatGPT oder Claude ein PR-Desaster. Bei OpenClaw ist es das Feature. Weil OpenClaw das umgekehrte Modell spielt: Nicht „vertrau uns“, sondern „schau selbst, entscheide selbst“. 150.000 Developer bauen gleichzeitig. Die schnellsten gewinnen. Die unsicheren fallen raus. Das funktioniert mit einer rasenden Dynamik. Nicht wenige attestieren: „völlig unkontrollierter, chaotischer Wildwuchs“.
App.net und OpenClaw kämpfen gegen die gleiche Struktur – nur mit unterschiedlichen Waffen.
App.net sagte: Das Geschäftsmodell ist das Problem. Zahlung statt Freemium. Das löst den Interessenskonflikt. OpenClaw sagt: Die Architektur ist das Problem. Dezentralisiert statt zentral. Infrastruktur statt Plattform.
Beide sind richtig für ihre Zeit. App.net war Pionier im Gedanken: People will pay for sovereignty. OpenClaw zeigt die nächste Dimension: Dezentralisierung ist kein Feature. Sie ist die einzige strukturelle Antwort auf Monopole.
Wer baut das nächste Slack?
Slack hatte in seinen Anfängen nichts wirklich Neues gebaut. Es hatte etwas viel smarteres gemacht: ein nutzerfreundliches Interface für IRC – die seit 50+ Jahren vorhandene und unkaputtbare Internet Chat-Infrastruktur.
Dieser smarte Move hat sie rasend schnell wachsen lassen. Und gleichzeitig konnten sie skalieren – standing on the shoulders of giants. Am Ende haben sie sich den Ast abgesägt auf dem sie sitzen. Das Bezahlmodell war selbst für Unternehmen kaum zu stemmen, für Netzwerke, Communities oder Projekte undenkbar. Der Rest ist Geschichte.
Aber auch daraus können wir wieder lernen: Der nächste Player wird das verstehen. Nicht die nächste Plattform bauen. Sondern auf vorhandene dezentralisierte Infrastruktur aufbauen. OpenClaw liefert den Äther dazu. Mattermost hat die offene Basis geschaffen. Mastodon zeigt, dass das Fediverse funktioniert – dauerhaft, unkaputtbar, dezentralisiert.
Die Frage ist somit nicht mehr: Wer baut das bessere Slack? Die Frage ist: Wer lässt etwas wie OpenClaw damit zuerst loslaufen? Wer von den europäischen Playern erkennt, dass existierende, verteilte Infrastruktur + elegante Abstraktion unschlagbar sein können?
App.net verstand das Geschäftsmodell. Slack die Abstraktion. OpenClaw die Architektur. Der nächste Schritt ist die Synthese: Dezentralisierte Infrastruktur + elegante Benutzbarkeit + ein Geschäftsmodell, das nicht zerfällt.
Wer versteht es zuerst und fängt an zu bauen?
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OpenClaw: Dezentralisierte Agent-Infrastruktur
Mastodon: Das funktionierende Fediverse
Mattermost: Open Source Slack Clone
Betreute Intelligenz: Das KI Meetup für Macher
Dalton Caldwell: What Twitter Could Have Been (2012)
entresol.de: der lange Weg von app.net